Gedenktafel für die Homosexuellen Opfer - KZ Sachsenhausen

»RosaWinkelGedenkbuch«

Gedenken an die Opfergruppe "Häftlinge mit dem rosa Winkel"

Totgeschlagen - totgeschwiegen
Zweiter Teil die Jahre ab 1988

⟩ Erster Teil die Jahre bis 1985   ⟩ Gedenkort Altglienicke

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24. September 1988 - Erster Besuch aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des Faschismus (DDR)

Einladung Gesprächskreises Homosexualität 1988/2

Die Freunde des Gesprächskreises Homosexualität besuchten die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. In der Einladung hieß es: "FÜHRUNG UND KRANZNIEDERLEGUNG zur Ehrung der homosexuellen Opfer des Faschismus" am Sonnabend, den 24. September 1988, um 14.00 Uhr in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen.“ Der Gesprächskreis legte erstmalig an der „Station Z“ – nahe der Plastikgruppe des DDR-Nationalpreisträgers Prof. Waldemar Grzimek – einen Kranz und Blumen für die homosexuellen KZ-Opfer nieder.

Station Z‹ so bezeichnete die SS ein Anfang 1942 errichtetes Gebäude, das Krematorium und Vernichtungsort zugleich war. ”Z“, der letzte Buchstabe des Alphabets, stand in zynischer Weise für die letzte Station im Leben eines Häftlings. Dort befanden sich vier Krematoriumsöfen, eine Gaskammer und ein Erschießungsbereich.

Dazu im ⟩ Programm des Gesprächskreis Homosexualität (pdf)
Foto: 🔎 Einladung des Gesprächskreises Homosexualität Ev. Advent-Kirchengemeinde

6. Mai 1989 - Zweiter Besuch der Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen (DDR)

Einladung zum Gedenken im Programm des Gesprächskreises

Aus Anlass des "Tages der Befreiung vom Nationalsozialismus" (DDR 8. Mai 1945), besuchten wir gemeinsam mit dem "Arbeitskreis der Bekenntnisgemeinde Berlin 'Schwule in der Kirche'" und dem "Arbeitskreis homosexuelle Selbsthilfe der evangelischen Kirche" aus Brandenburg die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen.

Foto: 🔎 Einladung im Jahresprogramm 1989 des Gesprächskreises Homosexualität

Kranzniederlegung 6. Mai 1989

Wir versammelten uns, wie im Vorjahr, am Gedenkort "Station Z". Dort legten wir Blumen und einen Kranz nieder. Die Gedenkworte sprach auch diesmal wieder unser Freund Wilfried R.

Bis zum 27. Januar 2023 wurde der "Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus" zur Tradition unseres Gedenkens in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Aus alters- und gesundheitlichen Gründen mussten wir diese Tradition ⟩ leider beenden.

Foto: 🔎 Walter; Potsdamer Kirche Nr. 24 vom 11. Juni 1989

8. Juli 1991 - Gay Men's Chorus of Los Angeles besucht die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen (DDR)

Gedenktafel der schwulen Chöre Männer-Minne (Berlin) The Gay Man Chorus (Los Angeles)

Musikalische Botschafter, die historische Tournee des GMCLA 1991:
Der ⟩ "Gay Men's Chorus of Los Angeles" (GMCLA) war der erste US-amerikanische Männerchor, der durch Mitteleuropa tourte. Die geschichtsträchtige Reise führte das Ensemble zu Konzerten in Kopenhagen (Dänemark), Berlin (Deutschland), Prag (Tschechoslowakei, vor der Teilung des Landes), Wien (Österreich) und Budapest (Ungarn).

Ein Zeichen des Gedenkens in Sachsenhausen:
Während des Gastspiels in Berlin besuchte der GMCLA gemeinsam mit dem Berliner schwulen Chor „Männer-Minne“ am 8. Juli 1991 die Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen.Im Gepäck führten die Sänger eine aus Messing gefertigte Gedenktafel (Höhe: 20,2 cm, Breite: 25,2 cm).

Die verwehrte Gedenktafel im Depot:
Das Anbringen der Gedenktafel wurde den Chören vor Ort jedoch nicht gestattet, da laut damaliger Regelung für jede Opfergruppe nur eine einzige Tafel vorgesehen war. Bis heute wird das historische Stück im Depot der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen aufbewahrt.

Foto: 🔎 © Andreas Zimnik, Mai 2015 (Depot, Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen)

24. Juni 1992 - Gedenktafel in West-Berlin am U-Bahnhof Nollendorfplatz

Rosa-Winkel-Gedenktafel Nollendorfplatz

Bereits seit 1979 hatten Schwulengruppen und -Aktivisten eine Gedenktafel am ⟩ U-Bahnhof Nollendorfplatz gefordert. Doch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wehrten sich lange, erst Politiker und das zuständige Bezirksamt setzten sich nach jahrelangen Bemühungen durch.

Die dreieckige Gedenktafel aus rotem Granit wurde am 24.6.1989 enthüllt. Sie war die erste Gedenkstätte für homosexuelle NS-Opfer in Berlin – zu einer Zeit, als das Schicksal der homosexuellen NS-Opfer der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt war. Initiiert wurde das Gedenken damals von der AHA (Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft Berlin e. V.) sowie der HuK Berlin (Homosexualität und Kirche).

Am 1. November 1993 wurde eine erklärende Zusatztafel angebracht:

DER „ROSA WINKEL“ WAR DAS ZEICHEN,
MIT DEM DIE NATIONALSOZIALISTEN
HOMOSEXUELLE IN DEN KONZEN-
TRATIONSLAGERN IN DIFFAMIERENDER
WEISE KENNZEICHNETEN.

AB JANUAR 1933 WURDEN FAST
ALLE RUND UM DEN NOLLENDORFPLATZ
VERTEILTEN HOMOSEXUELLEN LOKALE [!]
VON DEN NATIONALSOZIALISTEN GESCHLOSSEN ODER ZUR ANLEGUNG
VON „ROSA LISTEN“ (HOMOSEXUELLEN-
KARTEIEN) DURCH RAZZIEN MISSBRAUCHT.

Foto: 🔎 Gedenktafel für die homosexuellen Opfer, Berlin, U-Bahnhof Nollendorf Platz

10. Juli 1992 - Rosa Winkel erinnern an Nazi-Opfer

Die Tageszeitung "Neues Deutschland" berichtet in ihrer Ausgabe vom 10.07.1992:

"Mitglieder der Schwulengruppe der PDS Berlin haben im ehemaligen KZ Sachsenhausen einen provisorischen rosa Gedenkwinkel mit der Aufschrift Totgeschlagen - Totgeschwiegen - den schwulen Opfern von Sachsenhausen für die vor 50 Jahren dort von den Nazis ermordeten 200 "Rosa-Winkel-Häftlinge" angebracht. Dabei waren auch Vertreter des Referats für gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Senatsverwaltung für Jugend, Familie und Frauen. Damit wird an eine Tradition der Schwulen- und Lesbenbewegung angeknüpft, die für das Anbringen von Gedenktafeln in Konzentrationslagern und anderen erinnerungswürdigen Stätten kämpft, um auf das Leid der durch die Nazis getöteten Homosexuellen aufmerksam zu machen. Der zunächst nur provisorische Gedenkwinkel soll später durch feste Gedenktafeln ersetzt werden.
Quelle: ⟩  neues-deutschland.de/10.07.992/Brandenburg/Seite 8(pdf)

Was die Zeitung nicht wusste: Peter Birmele aus unserem Gesprächskreis bemühte sich bereits seit dem 21. Mai 1991 um die ⟩  Errichtung einer Gedenktafel oder eines Gedenksteins (pdf) für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus. Die brandenburgische Landesregierung, die Gedenkstättenleitung und eine Expertenkommission vertraten jedoch die Ansicht, dass alle Opfergruppen gleichermaßen berücksichtigt werden sollten. Als neuer Ort für dieses gemeinsame Gedenken wurde eine Wand auf dem Gelände des Zellenhauses vorgeschlagen. Im Sommer 1992 brachte man dort zunächst eine allgemeine Tafel mit der Aufschrift „Den Toten von Sachsenhausen“ an.

Gedenktafel: Den Toten von Sachsenhausen

Flankierend sollten rechts und links davon spezifische Gedenktafeln für die einzelnen Opfergruppen folgen. Dieses Projekt eines zentralen, gemeinsamen Gedenkortes wurde jedoch nie verwirklicht. Stattdessen wurden in der Folgezeit zahlreiche Tafeln für andere Opfergruppen an völlig unterschiedlichen Orten aufgestellt. Dadurch entstand der Eindruck, dass die Gruppe der „Rosa-Winkel-Häftlinge“ erneut ausgegrenzt und isoliert wurde.

Im Sommer 1992 wurde dort eine Gedenktafel für die Toten von Sachsenhausen angebracht. Rechts und links von dieser Tafel sollten für alle Opfergruppen Gedenktafeln folgen. Das Projekt eines zentralen Gedenkortes für alle Opfergruppen wurde nicht verwirklicht. In der Folgezeit wurden für andere Opfergruppen zahlreiche Gedenktafeln an unterschiedlichen Orten angebracht. So scheint es, dass die Opfergruppe der "Rosa-Winkel-Häftling" wieder ausgegrenzt und isoliert wurde.

🔎 Foto: Gedenktafel »DEN TOTEN VON SACHSENHAUSEN«   © Lothar Dönitz, 06.05.2006

Gestaltung der Gedenktafel für die Rosa-Winkel-Opfer in der Gedenkstätte Sachsenhausen

Der Diplom-Bildhauer Stephan J. Möller aus Hohenbruch, Ldkrs. Oberhavel, wurde am 7. Juni 1992 von unserem Freund Peter Birmele (Mitgründer des Gesprächskreises Homosexualität) mit dem ⟩  Entwurf beauftragt. An den Entwürfen und der Gestaltung hat auch Peter Birmele als ein ausgezeichneter Buchhersteller beim Aufbau-Verlag mitgewirkt. Die Firma Bätschmann, Fahrzeug- und Pavillonbau, Hennigsdorf übernahm die Ausführung der Metallarbeiten.

1. Entwurf der Gedenkstafel

🔎 1. Entwurf

2. Entwurf der Gedenkstafel

🔎 2. Entwurf

3. Entwurf der Gedenkstafel

🔎 3. Entwurf

Kosten: 3.477,50 DEM 1.778,02 €
Ausführung: Firma Bätschmann, Fahrzeug- und Pavillonbau, Hennigsdorf Krs. Oberhavel.
Kosten: 486,26 DEM (heute 248,62 €) ⟩  Rechnung Fa. Bätschmann (pdf).
Finanzierung: Alle Kosten wurden ausschließlich aus Spenden, organisiert mit Hilfe und Unterstützung der Berliner Geschäftsstelle des Bundesverbandes Homosexualität (BVH), finanziert. ⟩ Spendenabrechnung (pdf)

Der Schriftverkehr, die Entwürfe, die Dokumente wurde am 7. Dezember 2017 an das Archiv der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen übergeben.

22. November 1992 - Tafel gegen das Vergessen - Nicht mehr totgeschwiegen

Endlich, am Totensonntag, dem 22.11.1992, wurde die Gedenktafel feierlich enthüllt. Über 150 Menschen nahmen an der feierlichen Enthüllung teil. Die Berliner Schwulenchöre „Männerminne “ und „Rosa Cavaliere “ trugen unter der Leitung von Thomas Noll die mit Gesängen durchsetzte Todesfuge von Paul Celan vor

Unser Festredner Wilfried Rummler bezeichnete diesen Moment, die Enthüllung der Gedenktafel, als ein "Zeichen der Freude und der Dankbarkeit … Lesben und Schwule sind nicht nur Opfer, weil sie in den faschistischen Konzentrationslagern totgeschlagen wurden. Die Diskriminierung setzte sich nach dem Kriege fort, als sowohl die DDR als auch die Bundesrepublik diese Opfer totschwiegen"
Quelle: ⟩  ( 23.11.1992/neues deutschland/Berlin/brandenburg/Seite 5).

Es wurde auch an die besondere Situation der homosexuellen Häftlinge im Lager erinnert. Sie waren die "niedrigste Kaste" und ausgegrenzt aus der Schreckensgemeinschaft. Viele mussten im Außenlager "Todesort Klinkerwerk" schwerste körperliche Arbeit verrichten, nicht wenige gingen daran kaputt. Wie viele genau weiß niemand. Insgesamt wird die Zahl der "Rosa-Winkel-Häftlinge" in allen Lagern auf 15 000 geschätzt.

Im Anschluss an die Einweihung der Gedenktafel luden der Arbeitskreis der Adventgemeinde und die Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) Berlin zu einem gottesdienstlichen Gedenken im Andachtsraum ein.

Die zur Gedenkveranstaltung eingeladenen Vertreter der Brandenburgischen Landesregierung blieben der Veranstaltung fern.

Zum nachhören: Der Schauspieler Dieter Mann rezitiert die Todefuge von Paul Celan Video [03:02]:

3. Sepember 2006 - Buchenwald - Gedenkstein für die homosexuellen Opfer

KZ Buchenwald Gedenkstein für homosexuelle Häftlinge

Am 3. September 2006 wurde in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald ein Gedenkstein für die homosexuellen NS-Opfer enthüllt.

„Im Gedenken an die homosexuellen Männer, die hier gelitten haben.
Von 1937–1945 waren im Konzentrationslager Buchenwald
650 Rosa-Winkel-Häftline inhaftiert.
Viele von ihnen kamen ums Leben.“

„In memory of the homosexual men
that suffered here.
There were 650 Rosa Winkel prisoners in the
Buchenwald concentration camp between 1937 – 1945.
Many of them lost their lives.“

Er befindet sich auf dem Gelände im Bereich der Baracke 45. Der Stein erinnert an die zahlreichen Homosexuellen, die dort zwischen 1937 und 1945 interniert, gefoltert und teils für „medizinische“ Experimente missbraucht oder ermordet wurden. Das KZ Buchenwald war der Ort, an dem der dänische Arzt ⟩ Carl Vaernet Experimente an Homosexuellen durchführte (Implantierung von ‚Hormondrüsen‘). Die Aids-Hilfe Weimar griff die Initiative 2003 und am 3. September 2006 konnte der (mit Spenden finanzierte) Gedenkstein für die homosexuelle NS Opfer enthüllt werden.

🔎Foto: © Katharina Brand, 2008, Gedenkstätte Buchenwald

22. April 2012 - Gedenktafel für die homosexuellen Männer im Männerlager des KZ Ravensbrück

Rosa-Winkel-Gedenktafel Nollendorfplatz

Am 15. Mai 1939 wurde in Ravensbrück ein Konzentrationslager für Frauen eröffnet. Zum Lagerkomplex gehörte ab April 1941 ein Männerlager. Zwischen den Jahren 1941 und 1945 waren insgesamt etwa 20.000 männliche Häftlinge im Männerlager von Ravensbrück inhaftiert. Eine exakte Gesamtzahl der im KZ Ravensbrück ermordeten homosexuellen Männer ist historisch nicht genau bezifferbar, da viele Dokumente vernichtet wurden und die Forschung zu dieser Opfergruppe erst spät einsetzte.

Es dauerte bis zum 67. Jahrestag der Befreiung des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück, ehe am 22. April 2012 eine Gedenktafel für die Männer mit dem Rosa-Winkel eingeweiht werden konnte. Die Tageszeitung „Neues Deutschland“ hatte bereits in ihrer Ausgabe vom 8. März 2011 unter dem Titel
⟩  »Rosa Granit für Rosa-winkel-Häftlinge« (pdf) darüber berichtet. Der Verein UMqueer sammelte damals Spenden für die Tafel auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte. Sie erinnert an die mindestens 171 homosexuellen Männer, die wegen ihrer Orientierung nach Ravensbrück deportiert, dort inhaftiert, geschunden und teilweise ermordet wurden.

Siehe auch Webseite des Gesprächskreises: ⟩  »Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus« im Männerlager des KZ Ravensbrück
🔎 Foto: Gedenktafel für die homosexuellen Männer im KZ Ravensbrück © Lothar Dönitz, 27.06.2020

Unser letztes Gedenken

Letztes Gedenken in der Gedenkstätte Sachsenhausen

Seit unserer ersten Kranzniederlegung am 24. September 1988 in der Gedenkstätte Sachsenhausen hat der Gesprächskreis Homosexualität an mehr als 40 Gedenkveranstaltungen teilgenommen oder diese organisiert. Aus Gesundheits- und Altersgründen können wir seit der Veranstaltung am 18. September 2022 zum 80. Jahrestag der Mordaktion an homosexuellen Männern im KZ-Außenlager Klinkerwerk und der Gedenkveranstaltung am 27. Januar 2023 zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus kein Gedenken mehr organisieren oder daran teilnehmen.

Unsere Gedenkenveranstaltungen haben wir ⟩  in der Chronik des Gedenkens (pdf) dokumentiert.

🔎 Foto: 27. Januar 2023, "TapeArt-Gedenken" in der Gedenkstätte Sachenhausen,
© Peter Rausch, 27.01.2023


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