Gedenktafel für die Homosexuellen Opfer - KZ Sachsenhausen

»RosaWinkelGedenkbuch«

Gedenkort und Begräbnisstätte Altglienicke

Der Gedenkort befindet sich auf dem ⟩ Städtischen Friedhof Berlin-Altglienicke, Schönefelder Chaussee 100, 12524 Berlin. Das Grabfeld U1/U2 befindet sich unmittelbar links neben dem Haupteingang des Friedhofs. Es wurde im Oktober 1940 nach Verhandlungen der SS mit der Friedhofsverwaltung angelegt.1 Dort ruhen die sterblichen Überreste von 1.372 Opfern des Nationalsozialismus:

  • Menschen, die in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Groß-Rosen, Buchenwald und Dachau ermordet wurden. Unter ihnen befinden sich mindestens 38 Männer der Rosa-Winkel-Opfergruppe, was jedoch verschwiegen wird.
  • Opfer der NS-„Euthanasie“: Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten, die im Rahmen der systematischen Krankenmorde (Aktion T4) in den Tötungsanstalten Bernburg, Brandenburg an der Havel, Grafeneck, Hadamar, Hartheim und Pirna-Sonnenstein mit Gas getötet wurden.
  • Hingerichtete der Justiz: Widerstandskämpfer und Opfer der NS-Unrechtsjustiz, die im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden.

Gedenkstein für die Antifaschisten

Bereits kurz nach Kriegsende verpflichtete die Sowjetische Militäradministration (SMAD) die Kommunen per Befehl Nr. 184 dazu, Ehrenhaine und Ehrenfriedhöfe für die Opfer des Faschismus anzulegen. Um 1950 entstand so ein recht schlichter Gedenkstein. Wie damals in Ost und West üblich, erinnert er allgemein nur an die ermordeten „Antifaschisten“. Dieses Prinzip ging nahtlos in das Staatsrecht der DDR über. Die Gräber durften nach Ablauf der regulären Liegefristen weder eingeebnet noch neu belegt werden.

In der BRD war die Situation zur gleichen Zeit deutlich komplizierter. Die Lage war politisch stark umstritten und von bürokratischen Hürden geprägt. Zwar erhielten NS-Opfer auch im Westen ein dauerhaftes Ruherecht. Es gab jedoch gravierende Unterschiede zur DDR bei der Anerkennung, der gesellschaftlichen Wertschätzung und der Verteilung der Grabstätten.Beim Thema Gräber und Liegefristen erlebten homosexuelle Männer auf beiden Seiten der Mauer eine doppelte Diskriminierung. Ihre Situation war von gesellschaftlicher Tabuisierung und dem Ausschluss von staatlichen Privilegien geprägt. Da Homosexualität nach 1945 in beiden deutschen Staaten strafbar blieb, wurden homosexuelle NS-Opfer, die „Rosa-Winkel-Häftlinge, bis nicht als Opfer anerkannt. Für ihre Gräber galten daher die normalen, zeitlich begrenzten und kostenpflichtigen Ruhefristen. In der Bundesrepublik war die Lage aufgrund der juristischen Kontinuität des NS-Unrechts besonders brutal: Die BRD übernahm 1949 die verschärfte NS-Fassung. Das Bundesverfassungsgericht bestätigte 1957 sogar, dass diese Fassung „kein nationalsozialistisches Unrecht“ sei. Erst 1969 und 1973 wurde das Gesetz entschärft, aber erst 1994 endgültig abgeschafft. Weil homosexuelle Männer rechtlich weiterhin als Kriminelle galten, wurden sie im Gräbergesetz von 1965 ignoriert. Sie galten nicht als „Opfer der Gewaltherrschaft“. In Deutschland wurden homosexuelle NS-Opfer erst im Jahr 2002 durch den Deutschen Bundestag offiziell juristisch rehabilitiert und als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt.

»Den 1284 Ermordeten Antifaschisten deren Asche hier bestattet ist«
🔎 Foto: DDR Gedenkstein, Lothar Dönitz, Berlin, 19. März 2022


Um die Anonymität dieser Opfer aufzuheben, lobte die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Ende 2018 einen Wettbewerb zur Neugestaltung der Grabfläche aus. Der neu gestaltete Begräbnis- und Erinnerungsort wurde am 27.09.2021 u. a. durch Bezirksbürgermeister Oliver Igel und Staatssekretär Stefan Tidow feierlich eingeweiht. Die eigentliche Urnengrabstelle wurde und mit immergrünen Bodendeckern würdig bepflanzt und mit einem bronzenen Schriftband eingefasst: „Hier ruhen die Aschen von über 1370 Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft litten und ihr Leben verloren“.

Daneben werden auf großen Glaselementen die Namen und Lebensdaten der Toten genannt. Jeder Name für sich in individueller Handschrift, als lichte Ausnehmung im dunkelgrünen Glaskörper sichtbar. Sonne und Licht brechen sich an hellen Mattglas-Ausnehmungen, die der Schrift ein schimmerndes Volumen geben.



Ein Rundblick auf die Gedenkwand, Lothar Dönitz, Berlin, 19. März 2022


"Totgeschlagen, totgeschwiegen" – das selbstgestellte Vorhaben, allen Opfern ihre Anonymität zu nehmen, wurde verfehlt!

Ehrung für Ermordete

"In dieser Grabstätte ruhen die Aschen von mehr als 1.370 Menschen, die während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in den Jahren 1935 bis 1945 ermordet wurden. Die Opfer - Angehörige verschiedener Nationalitäten, Glaubensrichtungen und ethnischer Zugehörigkeiten - waren Häftlinge aus den Konzentrationslagern Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen sowie Menschen aus den T4-Tötungsanstalten Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim und Pirna-Sonnenstein."

Aus dieser Formulierung geht nicht eindeutig oder explizit hervor, dass auch homosexuelle Menschen ("Rosa-Winkel-Häftlinge") unter den Opfern waren. Der Text nennt explizit "Nationalitäten, Glaubensrichtungen und ethnische Zugehörigkeiten". Homosexualität ist keine Ethnie! Die Verfolgung Homosexueller basierte auf der sexuellen Orientierung, nicht auf Herkunft oder Religion.

🔎 Foto: Ausschnitt aus einer Info-Tafel, aufgenommen 19. März 2022, Lothar Dönitz, Berlin – Ausführlicher: ⟩  Kritik zur Informationstafel (pdf)

Im Gedenken an die ermordeten "Rosa-Winkel-Häftlinge"

Todesdatum Name Geburtsdatum
20.06.1940 Ulrich Sperling
[Wir erinnern an ...]
27.03.1904
25.06.1940 Friedrich Frank
[Wir erinnern an ...]
03.01.1894
07.07.1940 Karl Krehan
[Wir erinnern an ...]
12.09.1887
12.07.1940 Walter Domes 10.06.1900
17.07.1940 Paul Wendel (Künstlername: Paul O'Montis)
[Wir erinnern an ...]
03.04.1894
19.07.1940 Stefan Schminghoff
[Wir erinnern an ...]
20.02.1888
05.08.1940 Fritz Wendt
[Wir erinnern an ...]
09.09.1891
05.08.1940 Georg Klarmann
[Wir erinnern an ...]
17.01.1879
09.08.1940 Fritz Hilgner
[Wir erinnern an ...]
28.05.1896
28.08.1940 Werner Braun
[Wir erinnern an ...]
10.02.1914
08.10.1940 Hans Papke 08.08.1894
13.10.1940 Paul Maier (Harry Texter)
[Wir erinnern an ...]
15.04.1899
30.10.1940 Georg Schließmann
[Wir erinnern an ...]
21.05.1887
12.11.1940 Ewald Birkelbach
[Wir erinnern an ...]
22.05.1880
16.11.1940 [KZ Groß-Rosen] Erwin Strübing
[Wir erinnern an ...]
20.05.1910
25.11.1940 Hans Retzlaff
[Wir erinnern an ...]
13.08.1901
29.11.1940 Johann Ballensiefen
[Wir erinnern an ...]
27.05.1870
06.12.1940 Anton Jankowiak
[Wir erinnern an ...]
13.06.1898
12.12.1940 Franz Braun
[Wir erinnern an ...]
29.07.1904
20.12.1940 Hans Becker
[Wir erinnern an ...]
30.05.1911
25.12.1940 Ernst Grone
[Wir erinnern an ...]
17.01.1908
27.12.1940 Karl Itzel
[Wir erinnern an ...]
20.10.1940
03.01.1941 Nicolaus, Theodor, Detlef Raabe
[Wir erinnern an ...]
30.07.1895
19.01.1941 Hans Lewens
[Wir erinnern an ...]
04.12.1887
26.01.1941 Otto Könneke
[Wir erinnern an ...]
02.01.1902
30.01.1941 August Schroll
[Wir erinnern an ...]
01.05.1899
31.01.1941 Paul Willmann 20.03.1903
01.02.1941 Wilhelm König
[Wir erinnern an ...]
20.03.1903
02.02.1941 Albert Pauper
[Wir erinnern an ...]
21.04.1899
04.02.1941 Felix Lewandowski
[Wir erinnern an ...]
21.03.1912
05.02.1941 Wilhelm Ginsberg
[Wir erinnern an ...]
15.04.1905
06.02.1941 Hermann Schliwkowitz
[Wir erinnern an ...]
03.06.1893
09.02.1941 [KZ Groß-Rosen] Julius Standfuß
[Wir erinnern an ...]
06.09.1903
14.03.1941 Paul-Wilhelm Fuchs
[Wir erinnern an ...]
15.01.1908
04.04.1941 Karl, Arthur Pautzsch
[Wir erinnern an ...]
14.04.1896
06.05.1941 Władysław Konkel
[Wir erinnern an ...]
24.09.1892
11.05.1941 Adolf Robert Wachalla
[Wir erinnern an ...]
06.06.1891
24.09.1941 [KZ Buchenwald] Alwin Dönitz 10.05.1898
Fußnoten:
1 Gedenkstättenforum, ⟩  Gedenkstättenrundbrief 207 »Das Urnensammelgrabfeld U1/U2« Auf dem Friedhof Altglienicke in Berlin-Treptow/Köpenick, S. 8-14 (pdf)
Quellen:
Namensliste der Opfer aus den Sammelgräbern U1 und U2, Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz SenUVK/III C232, Stand 28.10.2020
Auskünfte aus dem Archiv der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen,